Wohin steuert Enterprise Holdings?

Enterprise Holdings gerät ins Trudeln - droht der Absturz?Seit Ende Juli ist am Horizont der kriselnden Mittelstandsanleihen mit dem Spezialversicherer Enterprise Holdings Limited ein weiteres Unternehmen aufgetaucht, dessen Entwicklung Anleihegläubiger nun sehr besorgt beobachten.

Der 2004 gegründete und auf der britischen Kanalinsel Jersey ansässige Versicherungskonzern hat derzeit rund 40 Millionen Euro in zwei ausstehenden Anleihen 2012/17 (ISIN: DE000A1G9AQ4) und 2015/20 (ISIN: DE000A1ZWPT5).

Die Ad-hoc-Meldung der Holding vom 25. Juli zur Insolvenz ihrer ersten und laut Ratingagentur Creditreform Rating AG wichtigsten operativen Tochter, der Enterprise Insurance Company PLC (EIC) aus Gibraltar, ließ bereits Böses erahnen:

Die 100-Prozent-Tochter EIC habe selbst die Aufsichtsbehörde Gibraltar Financial Services Commission (GFSC) nach deren Intervention darum gebeten, das Geschäft zu übernehmen und abzuwickeln. Der Grund sei die „wesentliche Verschlechterung der Situation der Gesellschaft“. Nach Aussage des Vorstandsvorsitzenden Andrew Flowers sei dies die beste Lösung zum Schutz der Versicherungsnehmer.

Die EIC stehe schon länger unter der Beobachtung der Finanzbehörden des britischen Überseegebiets, das für seine liberalen Steuergesetze bekannt ist. Bereits seit einiger Zeit hätte die EIC Schwierigkeiten gehabt, die Solvenzanforderungen für Versicherer („Solvency II“) zu erfüllen. Allerdings hatte CEO Flowers noch im April die Lage gänzlich anders eingeschätzt. In einem Interview kündigte er an, man werde „innerhalb des Kalenderjahres 2016 alle Vorgaben aus Solvency II vollumfänglich erfüllen.“ Dank der zeitigen Sitzverlegung der Holding nach Jersey stellen die EU-Verordnungen für diese nun kein Problem mehr dar. Der beliebte Offshore-Finanzplatz untersteht als „Kronbesitz“ direkt der britischen Krone und die Solvency II ist nicht mehr zu erfüllen.

Anders ausgedrückt: Wurde also die Schließung durch die Beobachtung des Versicherungsbetriebes durch den Regulator auf Gibraltar ausgelöst?

Doch die Meldung, die sich hieran anschließt, kann man eigentlich nur für einen Witz mit typisch britischem Humor halten. Die Ad-hoc-Meldung kündigte weiter an, dass die Versicherungsboutique fortan in Gastronomiebetriebe „diversifiziert“. Das damit gemeinte historische Restaurant „Oxford Blue“ in Windsor bei London soll zwar erst im September nach umfangreichen Sanierungsarbeiten eröffnet werden. Anfang November soll dann ein nicht namentlich genannter zweiter Betrieb folgen (die ursprüngliche Eröffnung sollte im Frühsommer sein, musste aber verschoben werden). Trotzdem erwarte man, dass beide Restaurants von Anfang an einen deutlichen Gewinnbeitrag bringen würden, der letztlich auch die Rückzahlung der Anleihen sichere.

Die Insolvenz des Hauptumsatzbringers der Holding bedeutet nun, dass die abzuwickelnde Gesellschaft keine Neugeschäfte mehr abschließen kann. Alte Policen werden jedoch weiter betreut.

Ob eventuell die restlichen Beteiligungen den Ausfall der EIC kompensieren können, ist fraglich.

Das zukünftige Geschäftsmodell: Undurchsichtig wie der sprichwörtliche britische Nebel

Neben den befremdlichen Plänen, sich als Kneipier zu versuchen, plant Enterprise Holdings der Ad-hoc-Meldung zufolge, ihr Versicherungsgeschäft über den konzerneigenen Managing General Agent Andeva Underwriting Agency Limited (Andeva) weiterzuführen. Diese wirtschaftet als Agentur, die Leistungen anderer Versicherer mit Unterstützung eines Rückversicherers anbietet. Anders als die EIC ist sie aber kein Großhändler mehr. Durch diese Umformung sollen Kosten gespart werden.

Doch in trockenen Tüchern ist dieser Geschäftsplan noch nicht. Enterprise Holdings plane erst noch Gespräche mit dem Versicherungsmarkt. Man müsse noch ermitteln, wie man „die Leistungsstärke durch Unterstützung eines Rückversicherers“ sicherstelle, so die Geschäftsführung.

Aktuell ist also wahrscheinlicher, dass die Holding das bisherige Versicherungsgeschäft abwickeln wird während es noch keine solide Ersatzlösung gibt.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2014/2015 musste die Holding nach eigenen Angaben einen Verlust von rund 7,8 Millionen Pfund (rund 9,2 Millionen Euro) verzeichnen und damit mehr als im Vorjahr (6,8 Millionen Pfund). Wie groß der tatsächliche finanzielle Schaden der Abwicklung ist und ob es Abschreibungen auf die EIC geben muss, ist ebenfalls noch unklar.

Die Anleihen der Enterprise Holdings

Die Anleger sind ratlos: Ist das Statement nur eine kreative Formulierung für „Out of business“? Der ohnehin schon sehr nervöse Markt reagierte postwendend mit rasant fallenden Anleihekursen. Der Kurs der 2017 fälligen Anleihe stürzte von rund 100 auf rund 20 Prozent ab, die bis 2020 laufende Anleihe sank gestern sogar von rund 75 auf 12,5 Prozent. Das ist ein Kursverlust von 87 Prozent innerhalb eines Jahres.

Die beiden unbesicherten Anleihen, die nach deutschem Recht emittiert wurden als die Holding noch ihren Firmensitz auf Gibraltar hatte, haben ein nominales Gesamtvolumen von 120 Millionen Euro. Sie sind im Segment Entry Standard der Frankfurter Börse gelistet. Allerdings hat die 35 Millionen Euro schwere Anleihe 2012/17 nur noch ein Restvolumen von 19,525 Millionen Euro, das 2017 zurückgezahlt werden muss. Bereits im Oktober hatte ein großer institutioneller Investor seine Anleihen im Volumen von 9,2 Millionen Euro gekündigt. Diese wurden laut der Enterprise Holding zurückgekauft.

Zuvor wurden durch die Begebung der zweiten Anleihe 2015/20 außerdem 6,3 Millionen Euro der ersten Anleihe umgewandelt. Zwar hatte Enterprise Holdings ursprünglich geplant, 2015 bis zu 85 Millionen Euro einzusammeln. Das Umtauschangebot der alten Anleihe eingeschlossen konnten aber nur 19,3 Millionen Euro erfolgreich platziert werden. Zusätzlich läuft derzeit noch ein Anleiherückkaufprogramm über 2 Millionen Euro.

Die nächste Zinszahlung in Höhe von 1,37 Millionen der Anleihe 2012/17 ist im September fällig.

Das Unternehmen gibt an, zu diesem Zweck Geld auf einem Sonderkonto deponiert zu haben. Dazu hat es sich in den Anleihebedingungen verpflichtet. Aktuell befänden sich dort 3,427 Millionen Euro. Für die 2020 fällige Anleihe sind im kommenden März rund 2,17 Millionen Euro Zinsen fällig. Das zweite Sonderkonto enthält derzeit aber nur 735.000 Euro und damit erst ein Drittel des Kupons. Es sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass es sich hier um eigene Veröffentlichungen der Holding, und zwar in Form einer Excel-Tabelle, handelt. Tatsächliche Belege (z.B. Kontoauszüge), dass sich die Gelder wirklich auf den Konten befunden haben (und noch befinden), gibt es nicht.

Creditreform-Rating wurde ausgesetzt

Auch die Ratingagentur Creditreform Rating AG zeigte offensichtlich angesichts des neuen Geschäftsmodells Anzeichen der Verwirrung. Sie setzte nach der Ad-hoc-Meldung kurzfristig ihr Rating aus („not rated, n.r.“). Der letzte Ratingbericht der Creditreform ist nun zwei Jahre alt. Er macht deutlich, dass das Liquiditätsrisiko der Versicherungstochter EIC sich sowohl negativ auf die verwendeten Anleihemittel als auch auf die Bonität der Enterprise Holding selbst auswirkt.

Die den Analysten zur Verfügung gestellten Informationen waren für die Aufrechterhaltung des Ratings schlicht nicht ausreichend, um eine Bonitätseinschätzung vornehmen zu können. Am 15. August hat mutmaßlich ein Treffen mit Creditreform stattgefunden und Enterprise Holdings kündigte an, dass voraussichtlich am 25. August ein Rating-Update erfolgen werde.

Unangenehme Erinnerungen an Scholz & Co. kommen hoch.

Und das nicht nur aufgrund der Parallele bezüglich der Verlegung des Geschäftssitzes der Firma von Gibraltar nach Jersey. Denn noch im April hatte Flowers im Interview mit Bondguide angegeben, keine Gelder für anderweitige Geschäftsfelder als für Versicherungen zu verwenden:

Als Versicherung legen wir die Gelder unserem Geschäftszweck entsprechend wieder an und investieren sie nicht in Fabrikanlagen, Vorräte oder Marketingkampagnen. Damit sind wir sehr flexibel und verfügen jederzeit über ausreichende Zahlungsmittel.

Erstaunte Anleger fragen sich nun, wie sich dies mit der Aussage verträgt, nun Holding-Gelder in die Gastronomie zu investieren? Oder ist geplant, den Pub allein durch den positiven Cashflow zu betreiben? Dass der neue Geschäftsplan tatsächlich kein Witz, sondern sehr ernst gemeint ist, zeigt auch, dass schon im Februar auf der Video-Plattform Youtube ein opulenter Imagefilm hochgeladen wurde, der für die Kneipe wirbt.

Zeitgleich mit dem Default der Versicherungstochter im eigentlichen Hauptgeschäftsfeld im Heimatmarkt wird nun die Gastronomie als neuer Businessplan mit viel höheren Margen angepriesen. Und das neue Geschäftsfeld „Freizeitsektor“ soll so viel Rendite abwerfen, dass die 2017 fällige Anleihe durch die bis dahin entstandenen Gewinne zurück in die Holding fließen können, damit die Rückzahlung erfolgen kann? Nur leider schien es Flowers nicht für nötig zu halten, all dies den Gläubigern schon im Interview vom April mitzuteilen…

Ein altes englisches Sprichwort lautet: „Wer nix wird, wird Wirt. Und ist auch dieses nicht gelungen, versucht er‘s mit Versicherungen.“ Oder auch umgekehrt, Enterprise Holdings ist nach eigenen Angaben ja sehr flexibel!

Noch sind viele Fragen offen

Wie ist es um die Reserven der Holding bestellt, inwieweit sind die hinterlegten Sicherheiten von der Insolvenz der EIC betroffen?

Der Erlös beider Anleihen ist offensichtlich zum größten Teil in die Sicherheitsreserven der EIC geflossen. Diese mussten dann wiederum durch Sicherheitsleistungen in Höhe von 26 Prozent der Prämien des weiteren Geschäfts ergänzt werden.

Aber konnte im Rahmen der Prämieneinnahmen 2015 und 2016 ein Teil der Anleihemittel bereits vor der Insolvenz an die Holding zurückfließen? Hat die Holding nach der Insolvenz der EIC vielleicht noch die Möglichkeit gehabt, die von ihr eingebrachten Sicherheitsleistungen fällig zu stellen? Und konnte dieses Geld (zumindest teilweise) noch zurückgeholt werden? Allerdings ist im Angesicht einer Insolvenz wohl kaum anzunehmen, dass es überhaupt Gewinne gegeben hat.

Interessant dürfte außerdem sein, was von der Geschäftsentwicklung der neuen Firma Andeva insbesondere hinsichtlich der neuen Ausrichtung erwartet wird.

Hoffnungsvolle Anlegeraugen richten sich auf den kommenden Donnerstag und die angekündigte Veröffentlichung des Unternehmensratings, das sicherlich von der Enterprise-Geschäftsführung kommentiert werden wird. Die Stimmung auf Anlegerseite ist mehr als angespannt. Nicht zuletzt auch, weil die bisherige Unternehmenskommunikation schon als außerordentlich dünn zu bezeichnen ist.

Einen zusätzlichen Schrecken jagte Enterprise ihren Gläubigern damit ein, dass die Internetseite nebst aller relevanten Dokumente des Investor Relations Bereiches seit Sonntag offline war. Dafür wurde unter der (neuen?) Domain www.ehplc.com eine rein englischsprachige Seite gelauncht, die allerdings nur noch sehr rudimentäre Informationen enthält. Erst heute war die (offensichtlich technisch bedingte) Tauchstation beendet.

In der Vergangenheit hatte die Firma bereits leichte, verzeihbare Schwächen bei Übersetzungen aus dem Englischen gezeigt. Auf der deutschsprachigen Startseite wurde aus der englischen Formulierung im Unternehmensprofil „outside the box“ ein „out of the box“. Nur ein lustiger Versprecher? Oder steckt bei Enterprise Holdings wirklich noch was in der Kiste, das nun ans Tageslicht drängt?